UEFA bereitet Strafanzeige gegen FIFA-Präsident Gianni Infantino wegen WM-Verkauf vor

Zusammenfassung

Die UEFA bereitet eine Strafanzeige gegen FIFA-Präsident Gianni Infantino in der Schweiz vor. Vorwurf: kriminelles Missmanagement beim geheimen WM-Finanzierungsplan.

10 Min. Lesezeit
Geprüft von Paul Neumann

Die UEFA bereitet eine Strafanzeige in der Schweiz gegen FIFA-Präsident Gianni Infantino vor, dem das europäische Fußball-Dachverband vorwirft, durch einen geheimen Plan zum Verkauf künftiger WM-Einnahmen die Reputation und Governance-Autorität des Weltverbandes schwer beschädigt zu haben. Wie der britische Guardian am 27. August 2026 berichtete, stützt sich die UEFA dabei auf Artikel 158 des Schweizerischen Strafgesetzbuches – den Straftatbestand der ungetreuen Geschäftsbesorgung.

Die mögliche Strafanzeige richtet sich laut Guardian nicht nur gegen Infantino persönlich, sondern auch gegen „mögliche andere FIFA-Funktionäre und Berater“. Damit eskaliert der seit Monaten schwelende Machtkampf zwischen dem europäischen Verband und der FIFA-Führung auf eine neue juristische Eskalationsstufe.

Der Vorwurf: Ein heimlicher WM-Finanzierungsplan

Im Mittelpunkt der Anschuldigungen steht das sogenannte FIFA Forward Enterprise-Modell. Dabei handelt es sich um einen Plan, bei dem Anteile an künftigen WM-Einnahmen an private Investoren veräußert werden sollten – ähnlich dem Modell einer Verbriefung zukünftiger Cashflows. Nach UEFA-Angaben wurde dieses Vorhaben „im Verborgenen konzipiert, bewertet, finanziert und vermarktet“, ohne ausreichende Transparenz gegenüber den 211 FIFA-Mitgliedsverbänden oder den 55 der UEFA angehörenden nationalen Verbänden.

Das Projekt scheiterte letztlich, hinterließ aber nach UEFA-Einschätzung einen „direkten und konkreten Schaden für FIFAs Reputation, Governance-Autorität und kommerzielle Beziehungen“, wie der Daily Telegraph die UEFA-Formulierung aus den Verfahrensunterlagen zitiert.

Die UEFA fordert zudem Zugang zu Dokumenten, die mit der Konzeption des Plans in Zusammenhang stehen, um ihre rechtliche Position zu untermauern. Sollte der Verband diese Unterlagen erhalten, dürften sie die Grundlage für die formelle Einreichung der Strafanzeige bilden.

Artikel 158 StGB Schweiz: Was die UEFA Infantino vorwirft

Der rechtliche Kern der Vorwürfe liegt in Artikel 158 des Schweizerischen Strafgesetzbuches, dem Tatbestand der ungetreuen Geschäftsbesorgung. Diese Norm trifft Personen, denen die Verwaltung von Vermögenswerten anderer anvertraut ist und die diese Pflicht verletzen oder missbräuchlich ausüben, wodurch dem Vermögensinhaber Schaden entsteht.

Für die UEFA bedeutet dies: Sie argumentiert, dass Infantino und möglicherweise weitere FIFA-Funktionäre die ihnen als Treuhänder des Weltverbandsvermögens obliegenden Pflichten verletzt haben, indem sie den WM-Monetarisierungsplan ohne hinreichende Transparenz und Zustimmung der Mitgliedsverbände vorantrieben. Die FIFA hat ihren Sitz in Zürich, weshalb Schweizer Recht anwendbar ist – ein entscheidender Faktor für die Zuständigkeit.

Infantino weist Vorwürfe zurück

Infantino hat Vorwürfe des Fehlverhaltens wiederholt und kategorisch zurückgewiesen. In einer früheren Stellungnahme gegenüber dem Guardian, die sich auf ähnliche Anschuldigungen bezog, erklärte er: „Kein Mitarbeiter bei der UEFA oder der FIFA hat jemals eine Beschwerde über das Verhalten von Herrn Infantino eingereicht, weil es nie einen Vorfall gab, in den er verwickelt war.“ Eine spezifische Reaktion der FIFA auf die neue Strafanzeigedrohung lag laut den vorliegenden Berichten bis zum 27. August 2026 noch nicht vor.

Die FIFA hatte zuvor öffentlich kritisiert, was sie als „konzertierte Kampagne“ zur Unterminierung Infantinos bezeichnete, und mediale Berichterstattung als tendenziös abgestempelt. Damit versucht die FIFA-Führung, die juristischen Schritte in einen größeren Kontext institutioneller Feindseligkeit einzuordnen – bisher ohne Erfolg, die Welle der Kritik abzubremsen.

Platini hatte den Weg bereitet: Frühere Klagen gegen Infantino

Die UEFA-Anzeigendrohung ist nicht der erste juristische Vorstoß gegen den FIFA-Präsidenten. Ex-UEFA-Chef Michel Platini hatte bereits am 8. Juni 2026 in Frankreich eine Strafanzeige gegen Infantino eingebracht, in der er ihm „Einflussnahme“, „Verschwörung zur Verleumdung“ und „böswillige Strafverfolgung“ vorwarf.

Platini, der einst selbst wegen Zahlungen durch die FIFA gesperrt wurde und seine eigenen juristischen Schlachten mit dem Weltverband ausfocht, hatte zudem in den Jahren 2018 und 2021 bereits zwei Schweizer Strafanzeigen gegen Infantino eingereicht: eine wegen falscher Anschuldigungen gegen unbekannte Täter, eine weitere wegen Einflussnahme direkt gegen Infantino. Eine der Anzeigen verjährte, die andere wurde eingestellt. Platini wechselte daraufhin die Strategie und verlegte sich auf französische Gerichte.

Die Tatsache, dass nun der institutionelle Arm der UEFA – und nicht nur ein persönlich betroffener Ex-Funktionär – rechtliche Schritte einleitet, markiert eine qualitative Eskalation. Damit geht nicht Platini persönlich gegen Infantino vor, sondern der gesamte europäische Kontinentalverband mit seinen 55 Mitgliedsverbänden und Hunderten Millionen organisiertem Fußball in Europa.

UEFA und FIFA-Funktionäre bei einer Konferenz – Symbolbild für den institutionellen Machtkampf

Chronologie: Der eskalierte Machtkampf zwischen UEFA und FIFA

DatumEreignisAkteur
2018Erste Schweizer Strafanzeige gegen Infantino (falsche Anschuldigungen)Michel Platini
2021Zweite Schweizer Strafanzeige gegen Infantino (Einflussnahme)Michel Platini
8. Juni 2026Strafanzeige in Frankreich wegen Einflussnahme und VerleumdungMichel Platini
8. August 2026The Guardian berichtet über Abgangszahlungen an FIFA-MitarbeiterInvestigativjournalismus
8. August 2026FIFA kritisiert Medien für angeblich konzertierte KampagneFIFA / Infantino
27. August 2026UEFA bereitet Strafanzeige gemäß Art. 158 SchKG vorUEFA

Was steht hinter dem FIFA Forward Enterprise Plan?

Um den Kern des Streits zu verstehen, lohnt ein Blick auf das Finanzmodell, das Infantino vorantrieb. Das FIFA Forward Enterprise-Konzept war im Wesentlichen ein Instrument zur Monetarisierung zukünftiger Weltmeisterschaftseinnahmen durch die Einbindung externer Investoren – ein Ansatz, der in der Sportwelt nicht ohne Präzedenzfall ist, bei dem aber die institutionelle Kontrolle und Transparenz entscheidend sind.

Genau hier setzt die UEFA an: Die Kritik lautet nicht primär, dass der Plan an sich rechtswidrig sei, sondern dass er „heimlich“ vorangetrieben worden sei – ohne ausreichende Beteiligung und Information der nationalen Verbände, die als Eigentümer der FIFA letztlich die Rechte an den WM-Einnahmen innehaben. Als das Vorhaben scheiterte, hinterließ es nach Einschätzung des Klägers institutionelle Kollateralschäden: beschädigte Beziehungen zu kommerziellen Partnern, Reputationsverluste und eine geschwächte Governance-Struktur.

In der Fußballwelt sind derartige Finanzierungsmodelle für internationale Institutionen heikel: Der Verkauf künftiger Einnahmen bedeutet, das Tafelsilber zu beleihen – ein Schritt, den viele Verbände als unvereinbar mit dem Grundprinzip sehen, dass WM-Erlöse dem gesamten Weltfußball zugutekommen sollen, nicht privaten Renditeerwartungen.

Machtpolitik: Warum die UEFA jetzt eskaliert

Die Entscheidung der UEFA, den juristischen Weg zu beschreiten, ist auch als politisches Signal zu lesen. Infantino steht seit Jahren unter Beschuss von Seiten des europäischen Verbandes, der sich bei mehreren zentralen Fragen übergangen fühlt: beim Vorstoß für eine erweiterte Club-WM, bei der Konzeption einer neuen Super-Liga-ähnlichen Struktur sowie bei Entscheidungen rund um den WM-Vergabeprozess.

Die UEFA hat 55 Mitgliedsverbände, die zusammen den umsatzstärksten und wettbewerbsintensivsten Markt des Weltfußballs repräsentieren. Europäische TV-Rechte, Champions-League-Einnahmen und Sponsoringverträge machen Europa zur finanziellen Säule des gesamten Weltfußballs. Dass dieser Verband nun zur juristischen Keule greift, ist ein Zeichen, dass die informellen Druckmittel ausgeschöpft scheinen.

Hinzu kommen personelle Veränderungen: Mit dem Wechsel an der UEFA-Spitze in den vergangenen Jahren hat der europäische Verband eine härtere Linie gegenüber der FIFA-Führung eingeschlagen. Die Bereitschaft, Infantino juristisch herauszufordern, spiegelt das Selbstbewusstsein eines Verbandes wider, der sich als Hüter der Integrität des Profifußballs sieht – und der offensichtlich entschieden hat, dass informelle Diplomatie mit Infantino an ihre Grenzen gestoßen ist.

Reaktionen aus der Fußballwelt

Offizielle Reaktionen nationaler Verbände auf die UEFA-Ankündigung lagen bis Redaktionsschluss am 27. August 2026 noch nicht in großer Zahl vor. Das Thema hat jedoch innerhalb weniger Stunden internationale Aufmerksamkeit erregt: Sowohl der Guardian als auch der Telegraph, Yahoo Sports und mehrere regionale Portale griffen die Meldung unmittelbar auf.

In Deutschland, wo mit dem DFB einer der größten Mitgliedsverbände der UEFA beheimatet ist, dürfte die Nachricht besondere Aufmerksamkeit erregen – zumal der deutsche Verband in der Vergangenheit selbst in FIFA-Korruptionsskandale verwickelt war (Stichwort: WM-Sommermärchen 2006) und seither für mehr Transparenz in der Governance des Weltfußballs plädiert. Die Lektüre, die der DFB und andere europäische Verbände aus dem aktuellen Vorgang ziehen werden, dürfte die innerverbandliche Debatte um FIFA-Reformen erneut entfachen.

Für den Fußball als Institution ist die Situation bemerkenswert: Zwei der mächtigsten Fußballinstitutionen der Welt befinden sich in einem juristischen Eskalationsprozess, der das Verhältnis zwischen globalem Weltverband und kontinentalen Konföderationen fundamental in Frage stellt. Sollte die Strafanzeige tatsächlich eingereicht werden und ein Schweizer Gericht das Verfahren eröffnen, wäre das ein Präzedenzfall ohne modernes Vorbild im Profifußball.

Was kommt als Nächstes?

Mehrere Entwicklungen sind in den kommenden Wochen zu erwarten:

  • Dokumentenherausgabe: Die UEFA fordert Akteneinsicht in die Unterlagen zum FIFA Forward Enterprise Plan. Ob und wann die FIFA diese freigibt – oder ob ein Gericht die Herausgabe anordnen muss – wird ein erster Indikator für den Verlauf sein.
  • Formelle Einreichung der Strafanzeige: Derzeit berichtet der Guardian, die UEFA bereite die Anzeige vor. Bis eine formelle Einreichung erfolgt, bleibt der Status als Androhung bestehen. Die Formulierung deutet jedoch darauf hin, dass die Entscheidung grundsätzlich gefallen ist.
  • FIFA-Kongress und Infantino-Position: Infantinos Amtszeit und seine politische Unterstützung bei den 211 Mitgliedsverbänden werden durch die juristische Eskalation unter Druck geraten. Wie Asien, Afrika und die CONMEBOL auf die UEFA-Initiative reagieren, wird das Kräfteverhältnis zeigen.
  • Platinis Parallelverfahren in Frankreich: Das Verfahren aus dem Juni 2026 läuft parallel. Sollten sich beide Verfahren gegenseitig mit Beweisen stützen, wächst der Druck auf Infantino erheblich.

Für Deutschlands Fußballfans und -funktionäre ist die Lage klar: Der europäische Fußball steht vor seiner bisher schärfsten institutionellen Auseinandersetzung seit den Korruptionsenthüllungen rund um Sepp Blatter 2015. Damals zwang der Skandal einen FIFA-Präsidenten zum Rücktritt. Ob die UEFA-Strafanzeige ähnliche Konsequenzen haben wird, bleibt abzuwarten – doch der Weg dorthin ist eingeschlagen. Weiterführende Hintergründe zu den deutschen Akteuren in diesem Machtgefüge bietet unser Bericht über die FC Bayern-Vertragsverlängerungen mit Manager Eberl, der die Strukturen des deutschen Profifußballs im Kontext der aktuellen Verbandspolitik beleuchtet.

Hintergrund: Infantino und die FIFA seit 2016

Gianni Infantino übernahm das Amt des FIFA-Präsidenten im Februar 2016, nachdem Sepp Blatter und Michel Platini infolge des großen FIFA-Korruptionsskandals gesperrt worden waren. Infantino präsentierte sich zunächst als Reformer, der die FIFA transparenter und integrer machen wollte. In seiner Amtszeit expandierte er das WM-Teilnehmerfeld auf 48 Mannschaften, organisierte eine neue Club-WM und warb aggressiv für neue Investitionsmodelle.

Kritiker – insbesondere aus Europa – werfen ihm jedoch vor, die FIFA zu einem autoritär geführten Verband umgebaut zu haben, in dem der Präsident weitreichende Entscheidungen ohne ausreichende Kontrolle durch die Mitgliedsverbände trifft. Die Vorwürfe rund um den FIFA Forward Enterprise Plan sind für sie nur die jüngste Manifestation dieses Musters.

Infantino lebt offiziell in Riad und verbringt einen Großteil seiner Zeit in Saudi-Arabien – ein Schritt, der ebenfalls für Kritik gesorgt hat, da der FIFA-Präsident nach Auffassung vieler Beobachter seinen Lebensmittelpunkt näher an Saudi-arabische Investitionsinteressen als an den Fußballbetrieb verlagert hat. Die enge Verbindung zwischen der FIFA unter Infantino und dem saudi-arabischen Sport-Investments-Ökosystem ist ein weiteres Puzzlestück im Gesamtbild, das die UEFA zu juristischen Schritten bewogen hat.

Details zum Fortgang des Verfahrens und zu den offiziellen FIFA-Reaktionen werden in den kommenden Tagen erwartet. Lifebogger.de beobachtet die Entwicklung weiterhin.

Sources

Photo: Bryan Berlin, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

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Lukas Brandt, LifeBogger author

Lukas Brandt

Hallo! Ich bin Lukas Brandt und schreibe für die deutschsprachigen Leser von LifeBogger über die Kindheit und die Lebensgeschichten von Fußballern. Ich recherchiere Herkunft, Familie und die frühen Jahre der Spieler — jene Geschichten, die lange vor den großen Bühnen beginnen. Am meisten interessiert mich, was einen Jungen vom Bolzplatz bis ins Nationaltrikot trägt.

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